Alles nur Spiel?
 

Luigi Pirandello: Sechs Personen suchen einen Autor
Theater-AG Jg. 8 - 13
Goetheschule 20. und 22. April 2005

In seiner gerade erschienenen Schillerbiografie versucht Rüdiger Safranski zu erklären, wie es Schiller möglich war, ein so großes Werk zu schaffen, wo er doch zeitlebens an allen Organen erkrankt war, wie es sich bei der Obduktion am Ende zeigte. Safranski erklärt dies mit der inneren Kraft Schillers, in Theater, Literatur und Kunst aus sich selbst herauszutreten und in den von ihm erschaffenen Figuren andere Lebensperspektiven zu erproben.
Das ist auch das Thema in Pirandellos Stück, wenn auch hier nicht ein Autor in seinen Figuren sein Leben erweitert, sondern sechs Bühnenfiguren einen Autor suchen, der sie zum Leben erwecken soll. Sie sehen es als ein Unglück an, aus der Fantasie eines Autors geboren zu sein, der ihnen aber das Leben auf der Bühne und somit die Seinsmöglichkeiten, die in ihnen stecken, verweigert.



An ein so komplex philosophisches Spiel von Schein und Sein, Illusion und Wirklichkeit hat sich die Regisseurin Caroline Ahlborn mit der Theater-AG Jg. 9 - 13 gewagt!

Ein Ehepaar mit zwei erwachsenen und zwei kleinen Kindern platzt in eine Theaterprobe und verlangt "gespielt" zu werden. Der zunächst empörte Theaterdirektor wittert bald einen Kassenschlager mit sex and crime und beißt an. Mit Hilfe echter Schauspieler wird eine Inszenierung mit einem Beinahe-Inzest und dem tragischen Tod der beiden Kleinkinder improvisiert.

Die Familie, die mit der Aufführung im Theater in die unsterbliche Welt der Kunst eingehen will, ist zerrüttet:
Der Vater ergeht sich in Selbstmitleid und leidet unter Rechtfertigungszwang. Malik Demirci als Vater hat zweifellos die anspruchsvollste Rolle zu spielen, und er spielt sie souverän als Sprachrohr des Autors Pirandello, der in seinen Mund die ganze Philosophie von Sein und Schein legt.
Die Mutter wird von Uljana Grudenthaler wie ein antikes Klageweib überzeugend in Trauer und Tränen dargestellt. Schön anzusehen ist das Arrangement mit ihren beiden Kindern zu ihren Füßen.
Maximilian Daub und Julia Preusker sind trotz ihrer Jugend die eigentlich tragischen Figuren des Stücks, die nicht zum Bühnenspiel "erlöst" werden und daher wortlos bleiben. Julia Preusker, die die 4-jährige Rosetta darstellt, ist Gastschauspielerin von der IGS List und eine süße Augenweide.
Die Stieftochter Janine Wolf versteht es, Hass auf Vater und Bruder, Selbsthass und Rachedurst zu vereinen und so in das Rededrama Bewegung hineinzuspielen. Eine echte, wie selbstverständlich erscheinende Leistung.
Das gilt auch für den Sohn, den Fatima Karsli kongenial als zornigen Intelligenzler verkörpert, der sich dem Spiel verweigert und doch die Bühne nicht verlassen kann.
Sie alle beschwören die radebrechende Puffmutter Madame Pace auf die Bühne: der Auftritt von Anastasia Kakuzina in Rot und Weiß und auf high wheels - ein Donnerweib nach Strich und Faden!



Auf der anderen Seite steht der Direktor mit seiner Bühnentruppe. Birk Urmersbach hat neben dem Vater den größten Redepart im Stück, keinen leichten, denn er muss die fiktiven Rollen in vorzeigbare Schauspielkunst auch ohne Drehbuch umsetzen. Das macht er richtig gut in der Mitte zwischen Ernst und Komik.
Auch seine Schauspieler haben solche Schwierigkeiten, die sie mit Witz und Ironie überspielen. Maria Mund (1. Schauspielerin) spielt wie eine Primadonna in einem schönen weißen Kleid die Stieftochter, Lisa Scheibe (1. Schau- spieler) den Vater, Laura Stenzel (2. Schauspielerin) die Mutter, Lotte Schwenke (3. Schauspielerin) den Sohn. Leyla Kaplan (Junge Schauspielerin),
wie alle im farbigen Kostüm, steckt die Mitspieler, Kaugummi kauend, mit herzhaftem Lachen und spitzen Bemerkungen über die Vorstellungen und Zumutungen der sechs Figuren an. Wie in einem guten Theater gibt es eine Ersatzschauspielerin (Lisa Sonnenburg) auf dem Divan.

Ganz nach Pirandello sind auch die sogenannten Nebenfiguren in die Handlung einbezogen: die verfrorene Souffleuse Astrid Schmidt, die arbeitsscheue Bühnenmeisterin Irina Gepfner und die Inspizientin Janice Kühn, die sich von der Bühne weg als Chefsekretärin bewerben könnte.
Im Versuch, zwei von den 6 Personen vorgegebene Szenen nachzuspielen, geraten die Schauspieler an die Grenzen ihrer Kunst. Sie könnten trotz aller tragischen Momente auch Figuren einer Komödie sein.
Daher entspricht auch die sparsame Bühnendekoration mit einem kleinen runden Tisch, Paravent, Kleiderständer, Stühlen, Sessel und Divan einer Comedia del' Arte. Der bunte Gartenvorhang ist das Werk von Leyla Kaplan und Irina Gepfner.



Der philosophierende Vater versucht vergeblich, dem Theaterdirektor klarzumachen, dass man der Wirklichkeit der Lebenden, also auch unserer Wirklichkeit misstrauen sollte, weil sie sich schon morgen als Illusion erweisen könnte. Bühnenfiguren dagegen haben eine unwandelbare Wirklichkeit, die unsereinen erschauern lassen kann.
Das ist wieder Schiller, ist aber auch Caroline Ahlborns 17-köpfige Theater-AG, die uns etwas davon hat ahnen lassen, dass es an diesen beiden Abenden nicht nur um Spiel und Schein ging, sondern auch um Seinsmöglichkeiten in uns.
Das war nicht nur frisch gewagt, sondern ist auch ganz gewonnen!
Haak

 

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